Altersvorsorge: Mehr zahlen, weniger bekommen

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Angela Merkel hält die Rente erfolgreich aus dem Wahlkampf heraus, das Thema gilt als zu brisant. Eine Reform ist unausweichlich, Experten warnen bereits vor den Folgen.

Gerade
einmal fünf
Minuten und 40 Sekunden hat es gedauert. Dann bekam Elke Schulte aus
Lippstadt in der ARD-Wahlarena das Mikrofon und fragte Angela Merkel,
was die Bundeskanzlerin gegen Altersarmut tun wolle. Schon der zweite
Fragestellerin sprach das Thema an, das Angela Merkel im Wahlkampf wohl
am liebsten ganz vermeiden würde: die Rente – und die Kanzlerin
geriet prompt in Erklärungsnot.
Zwar rechnete sie vor, was die neu eingeführte Grundsicherung
bringen würde, räumte aber zugleich ein: “Das ist nicht viel, ich
weiß.”

Noch
im Fernsehduell mit Martin Schulz versuchte Merkel das Thema aus dem
Wahlkampf herauszuhalten. Denn ein konkretes Rentenkonzept für die
Zukunft hat die CDU nicht, das Thema gilt als hochbrisant. Es
geht um die Zukunft vieler Generationen, um die Frage, ob die
Berufstätigen von heute
im Ruhestand noch angemessen leben können. Zudem verschlingen
Reformen an der Rente schnell Milliarden von Euro. Die CDU will
deshalb eine Kommission einsetzen, die bis 2019 Vorschläge
erarbeiten soll. Lediglich auf eine Aussage legte sich Angela Merkel
bisher fest: Das Renteneintrittsalter bleibe bei
67
Jahren, wenn sie wieder Kanzlerin wird.

Deckel
drauf, Thema aussitzen, doch der Plan geht nicht auf. Schon mit
dieser einen Aussage stößt die
Kanzlerin einige
Parteikollegen vor den Kopf. Noch Anfang des Jahres kamen aus der CDU ganz andere Forderungen. Im April schlug
Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) vor, das Renteneintrittsalter
an die steigende Lebenserwartung zu koppeln. Auch die junge Union
plädierte für eine Rente erst mit 70 Jahren. Und trotz der Ansage
seiner Chefin, gibt Schäuble nicht auf. Die Debatte über ein
höheres Rentenalter sei nötig – wenn auch erst nach der Wahl.

Wirtschaftsexperten
sprechen bereits deutliche Warnungen aus: “In der nächsten oder
spätestens übernächsten Legislaturperiode muss die Politik über
eine weitere Erhöhung des Renteneintrittsalters über das Alter von
67 hinaus entscheiden”, sagt Hermann
Buslei, Rentenexperte vom Deutschen Institut für
Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und widerspricht der Kanzlerin.
Die verkündete noch im Juni beim Industrietag in Berlin: “An
der gesetzlichen Rente haben wir bis 2030 die Reformschritte
eigentlich gemacht, die ich für notwendig erachte.”

Die
staatliche Rente steht vor einem gewaltigen Finanzierungsproblem, weil die
Deutschen immer älter werden und die geburtenstarken Jahrgänge bald aufhören zu
arbeiten. “Aktuell
kommen mathematisch gesehen kaum noch zwei aktive Beitragszahler auf einen
Rentner, um 2030 droht ein Verhältnis von eins zu eins”, warnt auch der
Rentenexperte des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln, Jochen
Pimpertz.

Das
Rentenniveau, also der Teil, den Einzahler vom Staat wieder ausgezahlt bekommen,
wenn sie in Rente gehen, ist bereits gesunken. Noch 2005 lag es bei 52,6
Prozent, aktuell sind es 48 Prozent. Bis 2030 wird es auf 44,7 Prozent fallen,
rechnet die Bundesregierung. Gleichzeitig würden die Beiträge von aktuell 18,7
Prozent auf 21,8 Prozent steigen.

Im
vergangenen Jahr musste die Bundesregierung zudem feststellen, dass die
Rentenkasse leerer wird. Laut Rentenversicherungsbericht wurden 1,6 Milliarden
Euro mehr ausgezahlt als eingenommen. Das Vermögen der Kasse sank damit auf 45,5
Milliarden Euro ab. Und was aktuell noch nach einer großen Rücklage klingt,
wird ohne Reform schon bald weg sein. Denn “die aktuellen Berechnungen der
Bundesregierung bedeuten, dass die Nachhaltigkeitsreserve der Rentenkasse
spätestens bis 2030 auf das vorgeschriebene Mindestmaß abgeschmolzen ist”,
erläutert Jochen Pimpertz. Die Nachhaltigkeitsreserve dient dabei nur dazu,
kurzfristige Einnahmenschwankungen der Kasse auszugleichen.

Rentenniveau,
Rentenbeitrag und Regelaltersgrenze, das sind die drei Stellschrauben, an denen
die Politik drehen kann. An welche Schraube die Politik herangeht, hängt davon
ab, was sie erreichen möchte. Einig sind sich die Experten in einem: Allzu
lange aussitzen lässt sich das Thema nicht. “Wir
leben derzeit in Deutschland in einer wirtschaftlich so guten Situation, dass
die Politik über den aktuellen Stand hinausdenken muss und sich nicht auf den
Lorbeeren ausruhen sollte”, fordert IW-Experte Pimpertz. Es sei schlicht ein
Irrglaube, die Altersgrenze nach 2031 bei 67 Jahren belassen zu können, ohne
entweder das Rentenniveau abzusenken oder den Beitrag zu erhöhen.